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Abfallwirtschaft und Energiewende - Welche Relevanz hat die Abfallwirtschaft für die Energiewende?

eine Veranstaltung des INEP Instituts in Kooperation mit der ver.di Bundesverwaltung Fachbereich Ver- und Entsorgung
am 23.10.2013 im Deutschen Architektur Zentrum Berlin

Vortragsscripte zum Download

 

Dr. Helge Wendenburg

Der Beitrag der Abfallwirtschaft zur Energiewende

Dr. Monika Griefahn

Das "Crandle to Crandle"-Design-Konzept: Abfall ist Nährstoff

Vera Gäde-Butzlaff

Die Rolle der Entsorgungswirtschaft bei der Energieversorgung

 

Bei der Veranstaltung am 23.10.2013 in Berlin galt die Aufmerksamkeit der Abfallwirtschaft in der Energiewende. Die Thematik Abfall und Energiewende oder mehr noch die Abfallwirtschaft und ihr Beitrag zum Umweltschutz werden in der öffentlichen Wahrnehmung meist verkannt. Doch bietet die Abfallwirtschaft verschiedene Möglichkeiten der Energieerzeugung, leistet einen erheblichen Beitrag zum Ausbau der dezentralen Erzeugung, zur Verringerung der Treibhausgasemissionen in Deutschland und somit zum Klimaschutz allgemein. Auch wenn der Effekt, der direkt auf die energetische Nutzung von Abfällen zurückgeht, noch gering ist, so wird sich dieser durch Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen und der dadurch genutzten Optimierungspotentiale in Zukunft wesentlich erhöhen lassen.
Ausgehend davon und vor dem Hintergrund der laufenden Koalitionsverhandlungen diskutierten der politische Vertreter Helge Wendenburg vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und Monika Griefahn, ehemalige Niedersächsische Umweltministerin mit Vera Gäde-Butzlaff, der Vorstandsvorsitzenden der Berliner Stadtreinigungsbetriebe als Vertreterin der Arbeitgeberseite und mit dem Gewerkschafts- und Arbeitnehmervertreter Erhard Ott vom ver.di Bundesvorstand. Mit dem Fachpublikum wurde auf den Zusammenhang der Abfallwirtschaft und der Energiewende, auf ihre Grundhaltung in dieser Phase der Transformation und auf ihren Beitrag zur Umsetzung der Energiewende eingegangen.

v.l.: Helge Wendenburg, Fritz Anhelm, Monika Griefahn

Am Ende der Veranstaltung hat sich gezeigt, dass Abfall dann eine zentrale Bedeutung bekommt, wenn die sehr eng geführte auf die Produktion von Energie reduzierte, öffentliche Diskussion der Energiewende auf die Produktion und den Konsum, auf die Nutzung der dabei verwendeten Materialien und Ressourcen und auf die Stoffströme ausgeweitet wird.

 

Der gesamten Diskussion vorweg wurde eine These von Michael Braungart (Mitbestimmung 10/2013) gestellt: „Es geht weniger darum, etwas zu vermeiden, sondern darum etwas zu tun, das dem Leben dient und keinen Abfall hinterlässt.“
Der Vertreter des Bundesumweltministeriums hielt fest, dass der Beitrag der Abfallwirtschaft zur Energiewende sehr breit ist und von der Einsparung von CO2 durch die Schließung von Deponien bis zur Verminderung derselben durch energie- und ressourceneffiziente Produktion und Recycling und der Gewinnung von Energie aus Abfall reicht. Der wohl wichtigste Beitrag ist die Einsparung von CO2, wodurch die Abfallwirtschaft die CO2-Bilanz deutlich entlastet.


Damit der auf neun Milliarden anwachsenden Gesamtbevölkerung auch in Zukunft ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, müssen diese nachhaltig eingesetzt und am Lebensende eines Produktes wiederverwertet werden können. Helge Wendenburg sieht in der Kreislaufwirtschaft den Schlüssel für das Gelingen. Um Erkenntnisse zur Optimierung zu erlangen, sind Investitionen in die Forschung der Recyclingwissenschaft erforderlich.
Nachhaltiger Einsatz bedeutet für Monika Griefahn nicht nur effizient, sondern auch effektiv. Sie spricht von der intelligenten Verschwendung. Sind unsere Produkte so konzipiert, dass sich die Kreisläufe schließen, das heißt, dass alle Materialien und Rohstoffe wiederverwertet werden können, dann können auch Produkte, die wir nicht benötigen verschwenderisch konsumiert werden. Bei Herstellung und Produktion sowie bei Konsum und Nutzung müssen Stoffe so ausgewählt werden, dass sie wieder Nährstoffe für andere Produkte darstellen und für andere Konzepte nutzbar sind. Mit diesem „Cradle to Cradle Ansatz“, einem innovativen Entwicklungs-, Produkt- und Servicekonzept wird der heutige Abfallbegriff überflüssig. Die Zukunft der Abfallwirtschaft sieht die ehemalige Niedersächsische Umweltministerin, darin, dass sich der Wirtschaftszweig nicht mehr als Entsorger, sondern als Rohstofflieferant sehen und zu einem Logistikunternehmen entwickeln muss.

Wie das Beispiel der Berliner Stadtreinigungsbetriebe zeigt, wird bereits heute jedes Gramm Abfall verwertet. Die Vorstandsvorsitzende des Unternehmens sieht allerdings noch erhebliche Optimierungspotentiale, was die Organisation und die politischen Rahmenbedingungen betrifft. So z.B. gibt es in Berlin immer noch zu wenig aufgestellte Tonnen zur Trennung des Abfalls. Sie hält fest, dass letztlich auch in der Abfallwirtschaft die ökonomischen Zahlen und die wirtschaftliche Darstellung entscheidend sind.

v.l.: Erhard Ott, Vera Gäde-Butzlaff, Helge Wendenburg

Als Verantwortliche für über 5.000 Mitarbeiter betont sie die Notwendigkeit, bei Umstrukturierung und Veränderung die Mitarbeiter nicht zu vergessen, ihnen ehrliche Antworten zu geben und sie mitzunehmen. Den Beschäftigten muss vermittelt werden, dass Energiewende nicht Arbeitsplatzabbau, sondern Arbeitsplatzerhalt bedeutet und Betriebe sichert. Hier stehen auch Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter in der Verantwortung.
Zu der sozialen Seite der Abfallwirtschaft in der Energiewende zählen Fragen der Arbeitsplätze und ihrer Gestaltung sowie die Anforderungen an guter Arbeit. Allerdings geht es hier um die politische und gewerkschaftliche Aufgabe neue Systeme für sozialverträgliche Arbeitsbedingungen, z.B. für Zeitarbeit oder Leiharbeit, zu entwickeln, und zwar unabhängig davon, ob von der Abfallwirtschaft, den neuen Branchen der Erneuerbaren Energien oder der energieintensiven Industrie und dem Gewerbe gesprochen wird.

Die Veranstaltung hat gezeigt, dass die Energiewende die gesellschaftliche Zusammenarbeit braucht und hier alle Akteure gefordert sind, darüber nachzudenken, wie sich Kreisläufe schließen lassen, wie Stoffströme aussehen müssen, mit welchen Materialien wir produzieren und konsumieren müssen. Mit Einsparung und Effizienz alleine kann Nachhaltigkeit nicht realisiert werden. Denn die Gesellschaft hat wenig von dem effizienten Einsatz von Stoffen und Materialien, die krank machen. Die politischen Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass eine Produktion z.B. nach dem Cradle to Cradle Ansatz oder der Ökoeffektivität Vorteile bringt. Beginnt die Diskussion über ein Umdenken erst beim Abfall, dann ist dies an sich eigentlich zu spät. Bestimmte Prozesse und Stoffe dürfen in den vorgelagerten Phasen, in der Produktion und Nutzung, erst gar nicht stattfinden oder eingesetzt werden. Politisch müssen Anreize so gesetzt werden, dass sie Innovationen fördern.
Im Ergebnis gilt auch für die Abfallwirtschaft, dass der Diskussion über die soziale Dimension eine wichtige Rolle eingeräumt werden muss.

Damit die Abfallwirtschaft ihre Rolle in der Energiewende definieren kann, bedarf es der Zusammenarbeit der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Es muss klar sein, welche Beiträge die Abfallwirtschaft leisten kann und welche Investitionen erforderlich sind, damit die Abfallwirtschaft zum Rohstofflieferanten werden kann. Um diese Beiträge und Potentiale zu erkennen, braucht es Transparenz durch die Offenlegung der Material- und Stoffströme Erst wenn diese Transparenz gegeben ist, können auch die Arbeitnehmer agieren und aktiv werden und die politischen Rahmenbedingungen gefordert und festgelegt werden
Momentan sind noch keine einheitliche Positionierung und kein einheitlicher Standpunkt der Abfallwirtschaft in der Energiewende erkennbar. Deutlich wurde, dass die Wahrnehmung von und der Umgang mit Abfall und insbesondere die Ziele der Kreislaufwirtschaft in die gesamtgesellschaftliche Diskussion getragen werden müssen, damit wir am Ende einen „positiven, nicht nur einen weniger schlechten Fußabdruck hinterlassen“ (zit. Monika Griefahn).

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