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Fachtagung „Energiewende und Wohnen – Energieeffizienz, Erneuerbare Energien und bezahlbarer Wohnraum“

9. Dezember 2014, 10.30 – 18.30 Uhr, Hotel Bergström, Lüneburg

 

Vortragsscripte zum Download

 

Dipl.-Ing. Jörg Berens

Wohnungswirtschaft und Nachhaltigkeit aus wohnungswirtschaftlicher Sicht

Helmuth Blauth

Gut Dauelsberg

Helmut Blauth

Energiekonzept des Gut Dauelsberg

Dr. Heinrich Bottermann

Wohnungswirtschaft und Nachhaltigkeit. Energie- und Ressourcenmanagement

Dr. Burghard Flieger

Kooperationsmodelle zwischen Energie- und Wohnungsbaugenossenschaften

Dipl.-Ing. Sascha Komoll

Energie clever nutzen

Prof. Dr. Martin Kreeb

Miet- und Mietercontracting

Dr. Reinhard Loch

Energetische Sanierung aus Sicht der Mieter

Dipl.-Ing. Dierk Schneider

Wärmecontracting

Dipl.-Ing. Marion Schulz

Energiewende und Wohnen - Energieeffizienz, Erneuerbare Energien und bezahlbarer Wohnraum

Karin Siebeck

Der Klimapakt SH – Erfolg gemeinsamer Verantwortung für mehr Klimaschutz in Wohngebäuden und Wohnquartieren

Florian Zimmeck

Wie können Energiewirtschaft, Wohnungswirtschaft, Gewerkschaften und Mietervereinigungen zusammen wirken?

Angesichts grassierender Wohnungsnot und steigender Mieten scheint die energetische Sanierung ins zweite Glied zu rücken. Die gemeinsame Fachtagung der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen und des INEP Instituts am 9. Dezember in Lüneburg, an der verschiedene Interessengruppen, wie Kirche, Gewerkschaften, Mietervertretungen, Wohnungswirtschaft und Energieagenturen beteiligt waren, zeigte jedoch, dass sich die beiden Herausforderungen durchaus vereinigen lassen und es nicht an Ideen und Projekten mangelt, die beide Aspekte der Debatte rund ums Wohnen aufgreifen.


Wenige Tage vor der Veranstaltung hatte die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz beschlossen. Auch die energetische Sanierung des Gebäudebestands ist in dem Dokument enthalten. Lothar Nolte, Geschäftsführer der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen, begrüßte dies in seinem Einführungsstatement: „Die Energiewende kann nur gewinnen, wenn die Energieeffizienz ein deutliches Gewicht erhält.“


Über die Rolle der Nachhaltigkeit in der Wohnungswirtschaft sprachen in der Folge Jörg Berens vom Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen, der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt Dr. Heinrich Bottermann sowie Dr. Reinhard Loch von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Anstelle des kurzfristig erkrankten Dr. Peter Szynka fasste Helmut Blauth in Kürze die diakonische Perspektive zusammen.


Jörg Berens nahm für seinen Verband in Anspruch, nur Unternehmen zu vertreten, die den Nachhaltigkeitsgedanken verinnerlicht hätten: „Die Heuschrecken sind bei uns nicht mehr vertreten.“ Im Bereich der energetischen Sanierung konzentriere sich der Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft auf die fünf Bereiche Anlageneffizienz, Gebäudehülle, Neue Technologien und Standards, Mitnahme der Mieter sowie die Abkehr von der Einzelbetrachtung hin zum Quartier. Trotz deutlicher Einsparungen stiegen die Mieten weiter an. „Um die Warmmieten in den Griff zu kriegen, kommt man nicht umhin, selbst Energieerzeuger zu werden“, so Jörg Berens.


Dr. Heinrich Bottermann wies in seinem Vortrag darauf hin, dass ein sehr großer Teil des Gebäudebestands aus den Jahren zwischen 1949 und 1978 stamme. Wegen des damals geringen Ölpreises sei Energiesparen nicht so wichtig gewesen. Hier bestehe großer Sanierungsbedarf. Hinsichtlich der erneuerbaren Energien wies er auf die Situation in den Städten hin: „Dezentrale Energieversorgung findet nicht dort statt, wo viel Energie verbraucht wird.“

Helmut Blauth stellte das Energiekonzept des Guts Dauelsberg vor
Dipl.-Ing. Jörg Berens und Dr. Heinrich Bottermann auf dem Podium

Die Bedürfnisse der breiten Masse der Bevölkerung fasste Dr. Reinhard Loch zusammen: „Es muss warm sein, es muss bezahlbar sein.“ Aus seiner Sicht sei es wichtig, auch über die Sanierung hinaus zu denken. „Wer eine sanierte Wohnung bewohnt, muss dafür auch geschult werden.“ Um VerbraucherInnen Optimierungsmöglichkeiten zu verdeutlichen, biete der Bundesverband der Verbraucherzentralen seit einiger Zeit einen Energiecheck an. KundInnen, die das Angebot in Anspruch nehmen, erhielten eine Einschätzung ihres Energieverbrauchs und Tipps zu dessen Reduzierung. Gerade einkommensschwache Haushalte müssten auf dem Weg zu mehr Energieeffizienz unterstützt werden.


Helmut Blauth rückte das Schicksal der 6.400 Wohnungslosen in Niedersachsen in den Mittelpunkt. Außerdem lebten 33.000 Menschen ohne Strom oder Wärme in ihren Wohnungen. Die zur Verfügung stehenden Notunterkünfte seien meist in einem katastrophalen Zustand.

Die Praxis macht Mut

Bei allen Schwierigkeiten zeigten die anschließenden Best-Practice-Beispiele, dass energetische Sanierung und nachhaltige Wohnprojekte, die die Energiewende unterstützen, vielerorts längst Realität sind. Das Gut Dauelsberg ist eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Das Besondere: Die BewohnerInnen produzieren ihren eigenen Strom. Das Gut ist bilanziell autark.


Der Geschäftsführer der Klimawerk Energieagentur GmbH Sascha Komoll demonstrierte, wie sein Unternehmen einen sanierungsbedürftigen Altbau mittels energetischer Sanierung in ein Wohlfühlzuhause verwandelt.


Professor Dr. Martin Kreeb zeigte anhand „seiner“ Universität Hohenheim, wie sich mittels Contracting Energiesparmaßnahmen realisieren lassen. Der Vermieter ist in diesem Fall das Land Baden-Württemberg. Die Maßnahmen bescheren der Universität Einsparungen von 1,1 Millionen Euro und 6.140 Tonnen CO2 pro Jahr.


Wertvolle Ansätze in den Arbeitsgruppen

In den Arbeitsgruppen am Nachmittag diskutierten die TeilnehmerInnen Kooperationsmöglichkeiten und Lösungsansätze für die aufgeworfenen Fragestellungen. Erstaunlich auch hier, wie viele Projekte bereits im Gange sind und als Beispiele Verbreitung finden könnten.


In der ersten Arbeitsgruppe, die sich mit Kooperationsmöglichkeiten zwischen Energiewirtschaft, Wohnungswirtschaft, Gewerkschaften und Mietervereinigungen befasste, spielten Autarkie und Selbstversorgung eine große Rolle.

Kurt Müschen sprach über Initiativen des Innenministeriums Schleswig-Holstein

Eine weite Verbreitung energieautarker Immobilien sind das Ziel des Geschäftsführers des Verbandes Wohneigentum Niedersachsen Tibor Herczeg. Diese Häuser könnten dann miteinander vernetzt werden, um gegebenenfalls Versorgungsengpässe oder Überproduktion abzufangen.


Ein auf Selbstversorgung basie
rendes Projekt hat die Naturstrom AG bereits realisiert, wie deren Vertreter Florian Zimmeck darstellte. Besonders ist, dass es sich dabei um ein Miethaus handelt. Das Mehr-Generationen-Wohnprojekt in Regensburg produziert seinen Strom mittels Photovoltaik. Überflüssige Erzeugung wird eingespeist, bei Engpässen erhält die Wohnanlage Ökostrom von Naturstrom. Betreiber der Photovoltaikanlage ist die NaBau eG, in der auch die MieterInnen vertreten sind.

Monika Rösener lenkte in ihrem Beitrag den Blick der Arbeitsgruppe auf die Einflussmöglichkeiten der Gewerkschaften. So könnten sich die Arbeitnehmervertretungen an den Verhandlungen der Mietspiegel beteiligen. In Hinblick auf ihr Bundesland Nordrhein-Westfalen sieht sie Handlungsbedarf in Bezug auf heruntergekommene Immobilien. Diese müssten von den Finanzinvestoren zurückgekauft und instandgesetzt werden, um ganze Stadtteile wieder für Sanierungsmaßnahmen interessant zu machen. Die präsentierten Beispiele überzeugten die ArbeitsgruppenteilnehmerInnen derart, dass sie den Kern der Abschlusspräsentation bildeten.

Prof. Dr. Martin Kreeb erklärte, wie Energiecontracting an der Universität Hohenheim funktioniert

Die zweite Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie Wohnungswirtschaft und Energieberatung gemeinsam die nachhaltige Sanierung des Gebäudebestands voranbringen können. Marion Schulz von der Verbraucherzentrale Niedersachsen, berichtete in einem einführenden Statement über ihre Erfahrungen aus der praktischen Energieberatung.


Aus Sicht der Gruppe müssten Gebäudehülle und Wärmetechnik in einer ganzheitlichen Energieberatung gemeinsam betrachtet werden. Ansonsten könne statt der erhofften erhöhten Energieeffizienz sogar eine Verschlechterung eintreten. Die Planer sollten zudem Garantien hinsichtlich der zu erwartenden Einsparungen geben.


Zur Sicherstellung guter Ergebnisse sprachen sich die TeilnehmerInnen für ein Qualitätssicherungssystem der Energieberatung und Fortbildungen aus. Diese sollte alle Akteure der energetischen Sanierung mit einschließen. Ein Problem dabei sei das mangelnde Engagement der Handwerksbetriebe. Wegen des anhaltenden Bau- und Sanierungsbooms bliebe die energetische Sanierung unattraktiv.


Hauseigentümergemeinschaften könnten sich häufig nicht auf eine energetische Sanierung einigen. Hier schlug die Arbeitsgruppe den Einsatz geschulter MediatorInnen vor. Insgesamt solle die Einstiegsberatung auf einem hohen Niveau verbleiben, um auch MieterInnen zum Handeln zu motivieren. Schließlich könne die Initiative zur energetischen Sanierung auch von den BewohnerInnen ausgehen.


Genossenschaften und Wohnkooperativen sowie ihre Kooperationsmöglichkeiten standen im Fokus der dritten Arbeitsgruppe. In einem kurzen Vortrag stellte zunächst Mathias Fiedler vom Zentralverband Deutscher Konsumgenossenschaften die Funktionsweise der circa 8.000 deutschen Genossenschaften kurz dar. Die Sparte der Energiegenossenschaften unterteilte er in drei Typen: Energiekonsumgenossenschaften, Energieerzeugungsgenossenschaften und Netzbetreiber-Genossenschaften, die häufig in Mischformen aufträten. Als ein Zukunftsmodell stellte Fiedler die Prosumer-Genossenschaften vor. Diese verbrauchten den eigens erzeugten Strom selbst. Zur Zeit behinderten allerdings steuerliche und gesetzliche Richtlinien dieses Modell.

Monika Rösener sprach sich für ein größeres Engagement der Gewerkschaften aus

Anschließend hatte Dr. Burghard Flieger von der Innova eG das Wort. Er nannte einige Praxisbeispiele für Kooperationen zwischen Wohnungswirtschaft und Energiegenossenschaften: Das Geburtshelfer-Modell, bei dem eine Wohnungsbaugesellschaft die Gründung einer Energiegenossenschaft initiiert, das Strategie-Modell, das die  Heidelberger Energiegenossenschaft verwendet, indem sie auf den Dächern von Mehrfamilienhäusern Solaranlagen installiert und den Strom an die BewohnerInnen verkauft, sowie das Innovations-Modell, das weiter oben beschriebene Beispiel der NaBau eG.


Die wissenschaftliche Perspektive ergänzte Dr. Herbert Klemisch vom Wissenschaftsladen Bonn. Er verwies auf die EU-Strukturfonds ESF, EFRE und ELER. Diese würden in der Förderperiode 2014-2020 gebündelt vergeben und könnten den Genossenschaften und der Ausbildung von Promotoren solcher Geschäftsmodelle dienen.


Die Inputvorträge fanden großen Anklang und inspirierten zu angeregter Diskussion. Dabei identifizierten die TeilnehmerInnen Energiecontracting als ein mögliches neues Geschäftsmodell für Energiegenossenschaften insbesondere in Unternehmen. Ein großer Bedarf bestehe an fähigen Projektentwicklern und gut ausgebildeten Promotoren. Insgesamt sei eine engere Zusammenarbeit zwischen Wohnungswirtschaft, kommunalen Unternehmen und Energiegenossenschaften nötig. Die TeilnehmerInnen forderten auch die Politik auf, passende Förderungsmodelle und rechtliche Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen.


Nachdem die Gruppen ihre Ergebnisse auch dem Plenum präsentiert hatten, war es an der Zeit, ein Fazit der Fachtagung zu ziehen. „Mit Idealismus kriegen wir fünf bis zehn Prozent. Die meisten kriegen wir übers Portemonnaie“, mahnte Henning Müller-Rost von der Lüneburger Wohnungsbau GmbH. Das größte Einsparpotential liege aus seiner Sicht im Altbau. Mit wenig finanziellem Einsatz könnten hier große Effekte erzielt werden.


In seinem Abschlussstatement betonte Lothar Nolte noch einmal die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Energiewende und die nachhaltige Sanierung des Wohnraums.


Professor Bernd Heins, Direktor des INEP Instituts, fasste zusammen: „Wir haben hier in kurzer Zeit viele neue Ansätze und Kooperationsmöglichkeiten aufgezeigt bekommen. Diese demonstrieren, dass energetische Sanierung nicht im Widerspruch zu einem sozialverträglichen Wohnen steht. Dabei ist es wichtig, den Blick vom Einzelhaus hin zu Quartierslösungen und der Entwicklung von Regionen zu lenken.“ Als Instrumente für die Umsetzung der notwendigen Sanierungsmaßnahmen sahen die TeilnehmerInnen Energie- und Wärmecontracting und damit verbundene,  neue Genossenschaftsmodelle. Ein breites Angebot an Kooperationsmöglichkeiten und Förderungsangeboten ebnet den Weg für eine Modernisierung des Gebäudebestands, die nicht zulasten der Interessen von MieterInnen und HauseigentümerInnen geht.

 

Pressebericht der Lüneburger Zeitung vom 11.12.2014


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