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Wegweiser   /Transformationsdialoge/Energiewende und die Zukunft der Arbeitt

Die Energiewende und die Zukunft der Arbeit

Gewerkschaften, Kirchen und Naturschutzverbände als Akteure im gesellschaftlichen Transformationsprozess

15. bis 17. März 2013 in der Evangelischen Akademie Villigst

 

VORTRAGSSCRIPTE ZUM DOWNLOAD

Dr. Ralf Bartels

Die Energiewende und die Verlagerung von Arbeitsplätzen im
industriellen Bereich“

Heinrich Denninger

Die Energiewende und die
Verlagerung von Arbeitsplätzen
im industriellen Bereich

Dipl.-Ing. Ulrich Goedecke

Energiewende und Dienstleistungsbereich

Christoph A. Gottwald

Energiegenossenschaften und
soziale Verantwortung

Dr. Günther Horzetzky

Die Energiewende und die Zukunft der Arbeit und der Wirtschaft

Dr. Peter Jahns

Ressourcen schonen - Wirtschaft stärken

Dr. Ulrike Lehr

Arbeitsplätze im Sektor der Erneuerbaren
Energien – Was steht hinter den Zahlen?

Achim Vanselow

Welche Auswirkungen hat die Energiewende
auf die Zahl und Qualität der Arbeitsplätze?

Christina Wallraf

private Haushalte –
Gewinner oder Verlierer
der Energiewende?

     

Erneuerbar beschäftigt! (Broschüre des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit)

Volkswirtschaftliche Effekte der Energiewende: Erneuerbare Energien und Energieeffizienz (Broschüre der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung mbH und ifeu — Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg)

Bericht zur Tagung auf der Internetseite des DGB NRW

 

Es bedarf eines Projektmanagements durch die Bundesregierung

Günther Horzetzky, Staatssekretär im Nordrhein-Westfälischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk, der sich in seinem Beitrag mit der Zukunft der Arbeit und der Wirtschaft auseinander setzte, verglich das Jahrhundertwerk Energiewende mit einer „Operation“ an Arbeitsplätzen und Einkommen, deren Dimension der Gesellschaft noch nicht ansatzweise klar ist und deren Zusammenhänge kaum wahrgenommen werden.
Herr Horzetzky verweist auf die drei konkreten, hier relevanten, Zielsetzungen in der Koalitionsvereinbarung Nordrhein-Westfalens, die lauten: die Erreichung der Klimaschutzziele, die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und die Kosteneffizienz. Für die Erreichung dieser Zielsetzungen gilt es allerdings einen breiteren Blickwinkel einzunehmen und sich nicht auf ein Bundesland, in diesem Fall NRW, zu beschränken. Dabei spricht der Staatssekretär den Elektrizitätstransport zwischen den Bundesländern an und die Notwendigkeit der Kommunikation der Bundesländer miteinander. An diesem Punkt vermisst Herr Horzetsky ein Projektmanagement für die Energiewende durch die Bundesregierung.

 

Das Gros des Wandels ist die Anpassung der Bestandsindustrie

Für Achim Vanselow ist das Voranbringen der Energiewende nicht eine Frage des „ob“, sondern lediglich eine Frage des „wie“. Als Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes Bezirk NRW referierte er über die Auswirkungen der Energiewende auf die Zahl und Qualität der Arbeitsplätze und analysierte dabei vor allem die Rolle der Gewerkschaften. Gewerkschaften sperren sich nicht gegen Veränderungen, fordern aber ihre Gestaltung durch Politik. Die Energiewende darf für ihn nicht als isolierter Prozess wahrgenommen werden, sondern ist ein System arbeitsmarktpolitischer, sozialer, gesellschaftlicher und politischer Innovationen. Aus der Sicht der Gewerkschaft wird die Energiewende an der Schaffung und Bewahrung von Arbeitsplätzen sowie der Qualität dieser Arbeit und ihrer Auswirkungen auf verschiedene Branchen bewertet. Das Gros des Wandels ist laut Achim Vanselow die Anpassung der Bestandsindustrie und der existierenden Arbeitsplätze an den Klimawandel und die Veränderungen. Deshalb ist darauf der Fokus zu legen. 

 

v.l.: Dr. Peter Markus – Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen, Institut für Kirche und Gesellschaft EKvW Schwerte, Dr. Judith Kuhn – Fachbereich Nachhaltige Entwicklung, Institut für Kirche und Gesellschaft EKvW Schwerte, Dr. Günther Horzetzky – Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW, Düsseldorf

Eine sozial gerechte, ökologische Umgestaltung
Erheblichen Gestaltungsbedarf sieht der Gewerkschaftsvertreter bei den grünen Branchen. Die Unternehmenskultur der Sozialpartnerschaft gibt es in diesen jungen Branchen noch nicht, was zunächst nicht verurteilt werden soll, wo aber gehandelt werden muss, damit eine sozial gerechte ökologische Transformation möglich ist.

Diese sozial gerechte ökologische Umgestaltung fordert der DGB in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit dem NABU Nordrhein-Westfalen. Statt Konfrontation setzen die beiden zivilgesellschaftlichen Gruppen auf konstruktive Kommunikation und Dialog, auch wenn es eine Vielzahl von Positionen gibt, in denen DGB und NABU sich widersprechen. Laut Josef Tumbrinck, Vorsitzender NABU NRW besteht nicht mehr die Zeit sich in alten Konfliktmustern zu bewegen, vielmehr muss gemeinsam gehandelt werden, auch wenn der „Königsweg“ hierfür noch nicht gefunden wurde.

 

v.l.: Dr. Peter Markus – Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen, Institut für Kirche und Gesellschaft EKvW Schwerte, Achim Vanselow – Deutscher Gewerkschaftsbund Bezirk NRW, Josef Tumbrinck – Vorsitzender NABU NRW, Düsseldorf

Die neuen Arbeitsplätze sind politikgetriebene Arbeit
Die Wissenschaftlerin Dr. Ulrike Lehr von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung, Osnabrück, präsentierte in ihrem Vortrag Zahlen zu den Arbeitsplätzen im Sektor der Erneuerbaren Energien sowie Qualitätskriterien dieser „neuen“ Arbeit. Dabei macht sie den Teilnehmern bewusst, dass für die quantitative Bewertung der Arbeitsplätze in der grünen Industrie die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt werden muss. Es ist nicht nur die direkte Beschäftigung, sondern auch die durch Vorleistungen generierte indirekte Beschäftigung in den Zahlenkalkulationen zu bedenken. Laut den Forschungsergebnissen der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung wird sich die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien auf ca. 500.000 bis 600.000 stabilisieren. Die Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien sind allerdings, nicht markt-, sondern politikgetriebene Arbeit, d.h. durch Förderung und Subventionen geschaffene Arbeitsplätze.

 

Zukunftsfaktor „Ressourceneffizienz“
Um auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren und ein der Gesellschaft gegenüber verantwortliches Verhalten zu demonstrieren, ergreifen Unternehmen Corporate Social Responsibility-Aktivitäten. Laut Dr. Peter Jahns, Leiter der Effizienzagentur NRW sind CSR-Maßnahmen vor allem für Unternehmen, die in einer bestimmten Region produzieren und dort auch regional verankert sind besonders wichtig. CSR-Maßnahmen in Bezug auf die Umwelt und den bewussten Umgang mit Ressourcen beziehen sich dabei vor allem auf die Steigerung der Ressourceneffizienz und der Ressourcenproduktivität sowie der Reduktion der Ressourcenintensität, sprich der Dematerialisierung.

Um Deutschlands Zukunft als Industrieland sicherzustellen, setzt Herr Jahns auf den „Zukunftsfaktor Ressourceneffizienz“ und auf die bestmögliche Ausnutzung der Effizienzpotentiale in Unternehmen. Dabei nehmen die Mitarbeiter eine besondere Rolle ein, indem sie zu Verbesserungsvorschlägen befragt und deren Wünsche und Anforderungen in den Maßnahmenkatalog aufgenommen werden. Peter Jahns legt dar, dass durch eine umweltgerechte Produktgestaltung, die Verbesserung der Produktion sowie die Einsparung von Energie und weiteren Ressourcen und Materialien Umwelt und Unternehmen gleichermaßen profitieren.

 

v.l.: Judith Kuhn, Josef Tumbrinck, Erhard Ott

Die Energiewende – eine Innovationspeitsche
Um Ressourceneffizienz in Unternehmen erzielen zu können, müssen und werden Unternehmen immer innovativer. Dr. Ralf Bartels nennt die Energiewende eine „Innovationspeitsche“, da sie den Trend „besser statt billiger“ verschärft. Der Leiter der Abteilung Umwelt und Wirtschaft der IGBCE spricht als Gewerkschaftsvertreter über die Schutzfunktion von Gewerkschaften für Arbeitnehmer. Im Rahmen der Energiewende bedeutet das, dass sie eine Gestaltungsfunktion wahrnehmen müssen. Neben den technischen Innovationen erfordert die Energiewende auch soziale Innovationen als Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. Für ihn kann nachhaltige Arbeit nur „gute Arbeit“ unter Achtung der Arbeitnehmerrechte sein und davon sieht er die neuen Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren noch weit entfernt.
Mit Ralf Bartels diskutierte Heinrich Denninger, ehem. Betriebsratsvorsitzender der Eickhoff GmbH, einem energieintensiven Unternehmen, über die Verlagerung der Arbeitsplätze im industriellen Bereich. Das Unternehmen ist gut aufgestellt und sieht die Arbeitsplätze in Deutschland momentan nicht gefährdet. In der Diskussion um die Arbeitsplatzverlagerung, sollte allerdings nicht das einzelne Unternehmen, sondern die Wertschöpfungskette in den Mittelpunkt rücken.  Was beispielsweise hat das für Folgen für die gesamte Wertschöpfungskette, wenn die 1. Stufe dieser Kette, Grundstoffe wie Kunststoff, der auch für die Energiewende benötigt wird, ins Ausland verlagert wird?

 

Dr. Ulrike Lehr – Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung, Osnabrück

Alle Sektoren sind von der Energiewende betroffen
Einen hohen Anteil in der Wertschöpfungskette der Erneuerbaren Energien nehmen Dienstleistungen ein, womit auch dieser Bereich von der Energiewende profitiert. Darauf verweist Ulrich Goedecke von der Energieagentur NRW, der mit Gabriele Poth vom Zentrum für Umwelt und Energie der Handwerkskammer auf die Energiewende und den Dienstleistungs- und Handwerksbereich eingeht. Um einen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele zu leisten, will die Handwerkskammer Düsseldorf durch die „Handwerksoffensive Energieeffizienz“ die Betriebe für Ressourceneffizienz sensibilisieren. Erheblichen Handlungsbedarf sieht Frau Poth darüber hinaus bei der Sanierung von Nichtwohngebäuden, wie im Gewerbebau, da hier bislang konkrete Konzepte und Lösungsstrategien fehlen. Die Diskussionen zu den unterschiedlichen Branchen und Bereichen, vom industriellen über den Dienstleistungs- und Handwerksbereich, haben gezeigt, dass alle Sektoren von der Energiewende betroffen sind und Arbeitsplätze entstehen oder wegfallen können.

 

Genossenschaften engagieren sich in sozialen Projekten
Verantwortung, insbesondere soziale Verantwortung, stand im Fokus des Vortrages von Christoph Gottwald von dem Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband. Immer mehr Bürger organisieren sich in Form einer Genossenschaft, um gemeinsam und dezentral Strom zu produzieren oder in Form von Einkaufsgenossenschaften Strom zu verkaufen. Die Genossenschaften in Deutschland weisen einen hohen Anteil an Ehrenamt auf und die finanziellen Mittel, die für soziales Engagement in ihren Kommunen und Regionen zur Verfügung stehen, sind meist begrenzt, so der Vertreter des Verbandes. Dennoch engagieren sich zahlreiche Genossenschaften in sozialen Projekten, durch Sponsoring, im Bereich Bildung oder für Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

 

v.l.: Dr. Judith Kuhn – Fachbereich Nachhaltige Entwicklung, Institut für Kirche und Gesellschaft EKvW Schwerte, Dr. Peter Jahns – Leiter der Effizienzagentur NRW, Düsseldorf

Genossenschaften tragen Mitverantwortung
Durch die Frage, welchen Beitrag Energiegenossenschaften zum Funktionieren des Gesamtsystems der Energieversorgung leisten, wurde die Spannung zwischen dezentraler Versorgung und Energiegenossenschaften einerseits und zentraler Versorgung und Energiekonzernen andererseits sichtbar. Wenn Sonne und Wind ausfallen, müssen auch Energiegenossenschaften Strom zukaufen, um ihr Angebot sicherzustellen. Hier stellte sich die Frage, wie dezentrale Energiegenossenschaften zu ihrer Mitverantwortung für das Funktionieren des Gesamtsystems stehen. Für ein funktionierendes Gesamtsystem bedarf es eines Mixes der beiden Systeme mit den Vorteilen des einen und den positiven Effekten des anderen.

 

Die EEG-Befreiung nur für den „Kern der Industrie“
Christina Wallraf als Vertreterin der Verbraucherzentrale legt einige Zahlen zur Energiewende vor, um der Frage nachzugehen, ob private Verbraucher als Gewinner oder Verlierer aus der Energiewende hervorgehen. Die Referentin zeigt, dass für große industrielle Verbraucher ein Strompreisrückgang zu beobachten ist, dieser Strompreis allerdings nur für wenige Branchen wirklich entscheidender Standortfaktor ist. Vielmehr steht die Stromsicherheit im Vordergrund. Durch die Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes sind mehr Industrieunternehmen, u.a. auch nicht stromintensive Unternehmen, von der Umlage befreit worden und für 2013 haben weitere ca. 2000 Unternehmen diese Befreiung beantragt. Hier fordert die Verbraucherzentrale eine Rückführung der Befreiung auf den Kern der Industrie.

 

v.l.: Dr. Ralf Bartels – IG Bergbau, Chemie, Energie, Hannover, Heinrich Denninger – Eickhoff GmbH Bochum, Heike Hilgendiek – Landessozialpfarrerin, Fachbereich Wirtschaft, Arbeit, Soziales, Institut für Kirche und Gesellschaft EKvW Schwerte

Ein Widerspruch in sich: Der, der am meisten verbraucht, bezahlt am wenigsten
Die Tatsache, dass trotz sinkender Börsenstrompreise der Stromendpreis für den Verbraucher in den letzten 10 Jahren um ca. 10 Cent gestiegen ist, ist auf die EEG-Umlage und den Anstieg von Steuern und Abgaben zurückzuführen. Jene, die am meisten verbrauchen wie die energieintensive Industrie profitieren von den geringeren Strompreisen, da sie von der EEG-Umlage befreit sind, während der private Haushalt der klare Verlierer ist. Allerdings gehen nicht alle Privathaushalte in dieser Debatte als Verlierer hervor. Die Gewinner sind die Verbraucher mit genügend Eigenkapital bzw. Einkommen, wie eine weitere von der Verbraucherzentrale vorgelegte Zahl zeigt, denn ca. 40% der Erneuerbaren-Energien-Anlagen gehören Privatpersonen.
In der anschließenden Diskussion wurde die Forderung deutlich, dass der Staat regulierend eingreifen muss, und zwar durch Förderinstrumente wie z.B. durch die Förderung energieeffizienter Haushaltsgeräte für einkommensschwache Haushalte, da der Strompreis kurz- und mittelfristig durch die EEG-Umlage nicht sinken wird. 

 

Ohne soziale Energiewende keine Energiewende
Insgesamt scheinen die Rahmenbedingungen für die Energiewende noch relativ offen zu sein. Der Ausstieg aus der Atomenergie und die Energiewende sind beschlossen, doch herrscht sowohl auf Seiten der Arbeitnehmer als auch auf Seiten der Arbeitgeber, insbesondere in den neuen Branchen, erhebliche Unsicherheit. Aus der Sicht des Gewerkschaftsvertreters Erhard Ott vom ver.di Bundesvorstand muss der Blick auf die Richtlinien und Kriterien „guter Arbeit“ gelenkt werden. Auch aus der Sicht des Umweltvertreters Josef Tumbrinck und der Kirchenvertreterin Judith Kuhn (Fachbereich Nachhaltige Entwicklung, Institut für Kirche und Gesellschaft EKvW, Schwerte), muss die soziale Frage parallel mit der ökologischen Komponente der Energiewende mitgedacht werden, da ansonsten durch prekäre Beschäftigung und gesellschaftspolitische Probleme in den Veränderungsprozessen die Energiewende insgesamt und somit auch deren ökologischen Zielsetzungen zu scheitern drohen.

 

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