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Wegweiser   /Transformationsdialoge/Energiewende vor Ort

Energiewende vor Ort

Rüdiger Butte – Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont

Wie können Bürgerinnen und Bürger von der Energiewende profitieren? Welche Rolle spielt die energieintensive Industrie?

21. März 2013 im Wilhelm-Gefeller-Bildungszentrum in Bad Münder

 

„Die Energiewende und die energieintensive Industrie – ein Widerspruch?“

Hans-Georg Diekmann,  Gesamtbetriebsratsvorsitzender des Unternehmens Ardagh Glass und Vorsitzender der IG-BCE Ortsgruppe Bad Münder, eröffnete mit der These, dass die energieintensive Industrie und die Energiewende zwar zunächst als sich widersprechend erscheinen, dass aber jede Diskussion um die Umsetzung der Energiewende ohne energieintensive Industrie hinfällig sei. Im Rahmen der Energiewende gewinnt die Dezentralität von Systemen und Strukturen an Bedeutung, was zunächst auch eine Gegenentwicklung zu den zentralen Strukturen, wie sie vor der Energiewende dominierten, darstellt. Hier gilt es allerdings Gegensätze nicht gegeneinander auszuspielen, sondern durch ein gemeinsames Miteinander zu gestalten.

 

„Drei Viertel der Bürger wollen die Energiewende, aber wie viele sind dabei?“

Für Rüdiger Butte, Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, haben in der Energiewende und in der Umsetzung von Effizienz- und Einsparmaßnahmen sowie der Sicherstellung der Versorgungssicherheit Bezahlbarkeit und Umweltverträglichkeit Priorität.
Während die Rahmenbedingungen in Berlin und in den Ländern vorgegeben werden, sind auch die Landkreise und Kommunen gefordert, die ihren Beitrag zur Verantwortungsübernahme leisten müssen. Die ökonomischen Chancen der Energiewende liegen laut dem Landrat vor allem darin, dass zahlreiche energiepolitische Projekte im Rahmen der Wende vor Ort verankert sind und somit zur regionalen Wertschöpfung beitragen. In der Umsetzung der Energiewende müssen Landkreise und Kommunen eine Vorbildfunktion einnehmen und die Bürger als Partner mitnehmen, denn obwohl eine breite Mehrheit die Energiewende will, ist nur ein Teil der Bürger auch wirklich dabei, wie der Landrat feststellt.

 

v.l.: Rüdiger Butte – Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Dr. Fritz Erich Anhelm – Moderator, Jens Schäfer – Geschäftsführer Ardagh Glass

„Die energieintensive Industrie produziert die Materialien und Grundstoffe, die für die Erreichung der Klimaschutzziele und für die Energiewende erforderlich sind.“

Jens Schäfer, Geschäftsführer der Ardagh Glass und Vertreter der Wirtschaft und energieintensiven Industrie greift die einleitende These von Hans-Georg Diekmann auf und erläutert, warum die energieintensive Industrie und die Energiewende kein Widerspruch sind, sondern letztere erstere bedingt. Die energieintensive Industrie produziert die Materialien, Grundstoffe und Produkte, die für die Erreichung der Klimaschutzziele erforderlich sind. Allerdings müssen durch Innovationen Prozesse entwickelt werden, um das starke und funktionierende industrielle System in Deutschland auf ein höheres Niveau zu heben. Bereits seit den 70er Jahren ergreift die Ardagh Glass umweltrelevante Maßnahmen, was allerdings zunächst keine ökologisch begründete, sondern eine wirtschaftlich rationale Entscheidung war. Durch die Energiewende hat das Unternehmen seine Aktivitäten intensiviert.

 

„Regionalität ist das Markenzeichen der Genossenschaft.“

Anschließend legten Rainer Sagawe als Geschäftsführer der Energiegenossenschaft Weserbergland, Dr. Ralf Bartels als Gewerkschaftsvertreter und Prof. Dr. Bernd Heins als Vertreter der Wissenschaft und als Berater für nachhaltiges Energiemanagement, Politik, Risiko und soziale Innovationen ihre Perspektiven dar. Rainer Sagawe erklärt die Regionalität zum Markenzeichen der Genossenschaften, ihre Bündnispartner liegen in der Region. Neben Investitionen in Photovoltaik strebt die Genossenschaft Investitionen in Windkraftanlagen und die Beteiligung an Biogasanlagen an. Ebenso unterstützt sie innovative Umweltprojekte. Die Energiegenossenschaft Weserbergland ist ein Beispiel für die Umsetzung der Energiewende durch Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung.

 

„Die Energiewende braucht Innovationen.“

Jens Schäfer – Geschäftsführer Ardagh Glass  

Neben der Energiewende in Bürgerhand sind es laut dem Gewerkschaftsvertreter Dr. Ralf Bartels die Unternehmen und Arbeitnehmer, die die Energiewende umsetzen. Auch er betont, dass die Energiewende nur dann gelingen kann, wenn zahlreiche Maßnahmen parallel laufen, die Bevölkerung soziale Unterstützung erfährt und nicht nur allein die Politik, sondern vor allem auch die Unternehmen durch Innovationen tätig werden. Hierfür hat die IG-BCE das „Innovationsforum Energiewende“ (If.E) gestartet, das der Politik vorschlägt einen energiepolitischen Innovationspakt zu schließen. Im Rahmen dieses Innovationspaktes sollten gemeinsame Ziele formuliert werden, an denen sich das Innovationsforum und die Politik messen lassen.

 

„Für ein neues Wohlstandsmodell brauchen wir neue Modelle.“

Prof. Dr. Bernd Heins sieht in der Energiewende vor allem eine Chance, eine Chance für Deutschland und die Gesellschaft. Die Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin aus der Kernenergie auszusteigen und die Energiewende einzuleiten, sieht er von dem Gerechtigkeitsgedanken geleitet, durch den wieder der Mensch und nicht die Wirtschaft in den Vordergrund tritt. Durch ihre politische Entscheidung hat die Kanzlerin dem Land die Möglichkeit gegeben ein Nachhaltigkeitsbild zu erzeugen, das anderen Ländern weitergegeben werden kann. Für viele Länder ist Deutschland ein Vorbild in vielerlei Hinsicht, weshalb es recht einfach wäre, das Gedankengut der Energiewende zu exportieren. Zudem ist er überzeugt davon, dass die Energiewende zu einem neuen Wohlstandsmodell führen wird. Ein neues Wohlstandsmodell bedarf allerdings neuer ökonomischer, ökologischer und sozialer Modelle. Dabei ist über kooperative Modelle alternativen, nachhaltigen Wirtschaftens und neuen sozialpolitischen Modellen nachzudenken. Hierfür nennt Prof. Heins das Beispiel des Zertifikatehandels übertragen auf den Arbeitsmarkt, indem er jeden Menschen zum Besitzer von Arbeitsstunden macht, die er frei zu- oder verkaufen kann.

 

Prof. Dr. Bernd Heins – Direktor INEP Institut

„Die soziale Schere geht immer weiter auseinander.“

In der anschließenden Diskussion wird deutlich, dass unter den derzeitigen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen die soziale Schere in der Gesellschaft immer größer wird. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nur jene die bereits über ein bestimmtes Eigenkapital verfügen Investitionen in Erneuerbare Energien und Energieeffizienz- oder Sanierungsmaßnahmen tätigen können und so hohe Energiepreise durch einen geringeren Verbrauch kompensieren können. Darüber hinaus wurde klar, dass der gemeinsame Wille bei den einzelnen Akteuren durchaus gegeben, ein gemeinsamer Weg aber noch zu definieren ist.

 

„Wo sind die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Akteuren?“

v.l.: Prof. Dr. Bernd Heins – Direktor INEP Institut, Rainer Sagawe – Geschäftsführer Energiegenossenschaft Weserbergland, Dr. Fritz Erich Anhelm – Moderator, Dr. Ralf Bartels – Abt. Wirtschaft IG-BCE

Mit dieser Frage leitete der Moderator Dr. Fritz Anhelm die letzte Runde und das Ende der Veranstaltung ein. Der Gewerkschaftsvertreter Dr. Ralf Bartels sind die wichtigste Schnittstelle zwischen den privaten Verbrauchern und der energieintensiven Industrie: beiden tun die hohen Strompreise weh. Der Unternehmer Jens Schäfer und der politische Vertreter Rüdiger Butte sehen in dem gemeinsamen Willen die bedeutendste Schnittmenge. Für Prof. Dr. Bernd Heins liegt die Schnittmenge in der Zusammenführung des Genossenschaftsmodells und des Betriebsrates mit dem Ziel der Gründung von Belegschaftsgenossenschaften, die den Arbeitnehmern Partizipation ermöglichen. Rainer Sagawe sieht die Schnittstelle im Energieverbrauch, den alle Akteure flexibel zu gestalten und einzuschränken versuchen.

Dr. Fritz Erich Anhelm – Moderator  
v.l.: Prof. Dr. Bernd Heins – Direktor INEP Institut, Rüdiger Butte – Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Rainer Sagawe – Geschäftsführer Energiegenossenschaft Weserbergland, Dr. Fritz Erich Anhelm – Moderator, Jens Schäfer – Geschäftsführer Ardagh Glass, Dr. Ralf Bartels – Abt. Wirtschaft IG-BCE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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