Wegweiser   /Nachhaltiges Energiemanagement/OEG 2012

„Was kostet uns die Energiewende? –
Auswirkungen des Transformationsprozesses auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft“

Oldenburger Energiepolitisches Gespräch am 01. November 2012 im EWE Forum Alte Fleiwa Oldenburg

Pressebericht

NWZ, 2.11.2012


Bereits in der Begrüßung stellt der EWE-Vorstandsvorsitzende Dr. Werner Brinker fest, dass über die Notwendigkeit der Energiewende gesellschaftlicher Konsens herrscht und somit nicht mehr diskutiert werden muss, bezeichnet sie allerdings als eine „Herkulesaufgabe“. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage nach den Kosten der Energiewende. Der Moderator Dr. Fritz Anhelm greift das „uns“ in der zentralen Frage „Was kostet uns die Energiewende?“ auf und erläutert, dass sich in Abhängigkeit der Perspektive des Betrachters (Kirche,

Gewerkschaften, Industrie, Naturschutz) unterschiedliche Rechnungen für die Energiewende ergeben.

Dr. Fritz Anhelm – ehem. Direktor
der Evangelischen Akademie Loccum

In der ersten Podiumsrunde diskutieren Bischof Jan Janssen als Vertreter der Evangelisch- Lutherischen Kirche Oldenburg, Dr. Joachim H. Spangenberg, u.a. Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Arbeitskreis Wirtschaft und Finanzen, und Stephan Engel, Direktor für Energiemanagement von Dow Deutschland die Frage nach Energiewende und Wachstum und was denn nun wachsen wird und was nicht. Für Bischof Jan Janssen geht der gesamten Nachhaltigkeitsdiskussion die Frage nach der Grundhaltung voran, sprich die Frage danach, wie wir die Schöpfung wahrnehmen und bewerten. An der Kostbarkeit der Schöpfung seien die Kosten der Energiewende zu messen. Die Kirche in Oldenburg mit 450.000 Mitgliedern hat ein integriertes Klimaschutzkonzept entwickelt mit dem Ziel die Bürger für den Umgang mit Klima und Energie zu sensibilisieren. Dazu gehören des Weiteren Initiativen, wie der Ausschluss genmanipulierten Saatgutes auf

Dr. Werner Brinker – EWE Vorstandsvorsitzender

Kirchengrund. Ebenso hat die Kirche Oldenburg mit Frau Kristine Ambrosy-Schütze eine hauptamtliche Umweltschutzbeauftragte. Am Ende seiner Darlegungen fordert der Bischof ein Wachstum der Gerechtigkeit.

 

Joachim Spangenberg, der die Seite der Umwelt- und Naturschützer vertritt, sieht in der Investition in die Energiewende eine Versicherung gegen eine schlechtere Zukunft und verknüpft die Frage nach den Kosten der Energiewende, mit der Frage, was auf die Gesellschaft zukomme, wenn es nicht zur Energiewende komme. Das heutige Wohlstandsmodell mit diesem Ressourcenverbrauch ist auf Dauer nicht tragbar und machbar, vor allem aber nicht global verallgemeinerbar. Er fordert ein rasches Handeln in Form eines raschen Ausstieges, da ansonsten der gewollte oder ungewollte Rausschmiss folge. Für Herrn Spangenberg ist klar, dass Öl,

Bischof Jan Janssen – Evangelisch-Lutherische Kirche Oldenburg

Gas und Kohle aber auch die Automobilität schrumpfen werden und durch erneuerbare Energien in Zukunft mehr Energie zur Verfügung stehen wird als erwartet. Erneuerbare Energien werden ohne Subventionen konkurrenzfähig werden, der Staat wird seine Funktion als Steuerungselement verlieren und Kraftwerke werden zu Kapitalvernichtungsanlagen. Die zentrale Frage ist in Zukunft eine Frage des Transportes, wobei hier die Lösung in einem europäischen System liegt. Eine weitere zukunftsrelevante Frage ist für den Umweltexperten nicht nur die Frage nach dem was wachsen wird, sondern wo dies wachsen wird? Insbesondere in der Solarindustrie sieht er China an der Spitze.

 

Dr. Joachim H. Spangenberg – Sprecher BUND, Arbeitskreis Wirtschaft

Die ganze Diskussion der Energiewende dürfe jedoch nicht zu eng gesehen werden, da eine Reihe von Umstellungen auf die Gesellschaft zukommen werden, die den täglichen Haushaltskonsum betreffen. Wohnen, Bauen, Mobilität und Ernährung, um nur einige Bereiche zu nennen, werden sich
durch die Energiewende verändern. Das was zählt sei nicht der Besitz, sondern der Zugang zur Dienstleistung, man müsse das Auto nicht besitzen, Car Sharing ermögliche die Fortbewegung, so Joachim Spangenberg, womit er auch „Eigentum“ in Frage stellt. Für ihn besteht nicht der Bedarf nach mehr Innovation, sondern „Exovation“, wobei sich die Frage stellt, wie wir die Dinge, die wir nicht brauchen, wieder loswerden. Auch der Umwelt- und Naturschützer endet am Ende seines Impulsreferates bei der Verteilungsfrage und der Herausforderung gesellschaftlicher Gerechtigkeit in Zeiten der Energiewende. Der dritte in der Runde, Stephan Engel, Direktor für Energiemanagement bei Dow Deutschland vertritt die energieintensive Industrie. Für ihn ist klar, dass die Gesellschaft in Deutschland und weltweit, Wachstum und Wohlstand beibehalten und mindestens die Lebensqualität von heute zu erhalten versuchen wird. Er konfrontiert das Publikum mit der Tatsache, dass es täglich fast ununterbrochen auf Produkte stößt, die durch die energieintensive Industrie produziert werden. Energiepolitik bedeutet für ihn Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit, wobei die Balance zwischen den Dreien notwendig und erfolgsentscheidend ist.

 

Stephan Engel – Direktor für Energiemanagement, Dow Deutschland

Allerdings bedeutet für ihn die Zunahme der erneuerbaren Energien auch zwangsläufig eine Zunahme der Probleme, welche ausschließlich branchenübergreifend zu lösen sind.

von links: Dr. Joachim H. Spangenberg, Dr. Fritz Anhelm, Stephan Engel, Jan Janssen

Die größte Bedrohung der energieintensiven Industrie sind die USA, wo Energie zu billig ist. Wettbewerbsfähige Energie stellt für diese Industrie den entscheidendsten Punkt bei den Produktionsfaktoren dar. Am Ende fragt auch Stephan Engel nach den Trägern der Kosten der Energiewende, womit er klar macht, dass auch die Industrie in der Energiewendediskussion letztendlich bei der Verteilungsfrage ankommt. In der anschließenden Diskussion hält Joachim Spangenberg fest, dass es bei der Verteilungsfrage nicht nur um die Kosten geht, sondern auch die Verteilung der Gewinne bedacht werden müsste, die zunächst bei der Industrie landen. Es stellt sich heraus, dass hinter der Verteilungsfrage von Kosten und Gewinnen die soziale Dimension steht und somit die Art und Weise der sozialen Gestaltung der Energiewende. Jan Janssen sieht in der Kirche die Rolle des Moderators zwischen Naturschutzverbänden, die ein radikales Umdenken fordern, und der Industrie, die in der Beibehaltung von Wachstum und Wohlstand ein gesellschaftliches Ziel sehen. Die Spannbreite der Diskussion und die Diversität der Standpunkte bringt Stephan Engel auf den Punkt, indem er feststellt, dass die konträren Aussagen der zivilgesellschaftlichen Akteure auf die unterschiedlichen Lebensmodelle, die den Perspektiven zugrunde liegen, zurückzuführen sind. Einig ist sich das Plenum in der Tatsache, dass es schlussendlich um die individuelle Entfaltung des Einzelnen geht und dafür sowohl ein soziales Netz als auch demokratische Strukturen notwendig sind. Mit der Fortsetzung der Energiewende und den unterschiedlichen Lösungsmodellen werden auch die Probleme der Koordination zunehmen. Damit umzugehen wird zu einer zentralen Herausforderung.

 

Dr. Kathrin Goldammer – Projektleiterin Plattform Energiewende, Institute for Advanced
Sustainability Studies Potsdam (IASS)

Anschließend an die Diskussion folgt Dr. Kathrin Goldammer, Projektleiterin der Plattform Energiewende des „Institute for Advanced Sustainability Studies Potsdam (IASS)“. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, ob Wachstum, Wohlstand oder Lebensqualität politische Priorität haben und wie politische Gestaltungsmöglichkeiten dieser Indikatoren aussehen können. Dass die Energiewende und somit die Diskussion um den Ausstieg aus der Kernenergie, die Produktion erneuerbarer Energien sowie das Thema der Energieeffizienz und Energieeinsparung ein deutsches Phänomen sind, zeigt die Tatsache, dass sich der Begriff „Energiewende“ so etabliert hat, dass er nicht mehr in andere Sprachen übersetzt wird. 118 Länder beabsichtigen erneuerbare Energien nach dem deutschen Vorbild auszubauen. Die momentan breit diskutierten Themen sind laut Dr. Goldammer die Strompreise, vor allem die Diskrepanz zwischen den Einkaufspreisen auf dem Großhandelsmarkt und den Endverbraucherpreisen, und die energieintensive Industrie. Inwieweit werden Preise sozialisiert, welche gesellschaftlichen Gruppen werden ausgenommen, was definieren wir als energieintensive Industrie oder welche Industrien stehen im intensiven Wettbewerb, sodass eine Befreiung der EEG Umlage gerechtfertigt wäre, so ihre Fragen.

 

Die soziale Dimension der Energiewende nimmt auch in der Agenda der Präsentation von Dr. Goldammer einen wichtigen Punkt ein. Es geht darum, die Energiekosten sozialverträglich zu machen und klarzustellen, wie einkommens- und gesellschaftsschichtspezifisch die Energiekosten und die Lasten der Energiewende insgesamt sind. Einen möglichen Lösungsansatz sieht sie darin, den Strompreis an den Verbrauch zu koppeln und ihn dann zu erhöhen, wenn der Verbrauch steigt. Bereits heute werden in Deutschland 25% des Stromverbrauches aus erneuerbaren Energien gewonnen. Zudem zeigt sich eine deutliche Zunahme der Bürgerbeteiligung an der Energiewende, dies vorwiegend in den alten Bundesländern und dort tendenziell eher in einkommensstarken Regionen. Ihre Prognose lautet, dass sich Deutschland bis 2035 zwar als kleiner Nachfrager am Strommarkt herauskristallisieren, aber als eines der wichtigsten Länder in der technischen Weiterentwicklung gelten wird. Was die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen betrifft, bedarf es einer weiteren Diskussion des EEG. In ihren Ausführungen legt die Referentin des Weiteren dar, dass in dem sich immer stärker zeigenden Bewusstsein, im deutlichen Wunsch nach einem mehr an Beteiligung sowie in dem Bedürfnis nach Mitentscheidung der Schlüssel der Energiepolitik der Zukunft liegt. Flexibilität und dezentrale Strukturen gewinnen an Bedeutung, jedoch gilt es auch hier zu beachten, dass Dezentralisierung und Energiegenossenschaften zu einer Zersplitterung führen und die Autonomie einer jeden Kommune wiederum die Wirtschaftlichkeit in Frage stellen können.

 

Dr. Kathrin Goldammer, Dr. Fritz Anhelm

Bezugnehmend auf die zentrale Fragestellung fasst sie in den Schlussfolgerungen zusammen, dass es nicht zu sehr darum gehen darf politische Prioritäten zu setzen, sondern die Diversität von Lösungen und Modellen Realität sein wird. Die Energiewende ist ein Großprojekt und ein Gemeinschaftswerk, wofür die Zustimmung und Mitwirkung der Bürger erforderlich ist. Um dies zu erreichen, muss eine sachliche Debatte geführt und realistisch beurteilt werden, welche Effekte tatsächlich der Energiewende zugeschrieben werden können und welche aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen als Auswirkungen der Energiewende deklariert werden. Was uns die Energiewende schlussendlich kostet, lässt sich heute somit nicht beantworten. Die Tagung hat jedoch gezeigt, dass, auch aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln diskutiert, die Energiewende keine Alternative hat. Unabhängig davon, wie konträr die Auffassungen zu Ursachen, Wirkungen, Lösungsmodellen sowie Problemen und Herausforderungen der Zukunft sind, zuletzt kristallisiert sich die Verteilungs- und Gerechtigkeitsfrage und somit die soziale Dimension der Energiewende als gemeinsam erkannte Herausforderung der Energiepolitik heraus. Letztlich sollten alle von der Energiewende profitieren können, vor allem in Bezug auf eine höhere Lebensqualität.

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