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Vortragsscripte zum Download

 

Dr. Hubertus Bardt

Grenzen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie

Dr. Ralf Bartels

Rahmenbedingungen für Innovationen

Dieter Brübach

Welchen Beitrag leistet die Industrie zum Erreichen der Klimaschutzziele?

Ulf Gehrckens

Die energieintensive Industrie in der Energiewende

Dr. Samuel Greef

Der vorsorgende Sozialstaat im Transformationsprozess - geht das?

Dr. Monika Griefahn

Welchen Beitrag leistet die Industrie zum Erreichen der Klimaschutzziele?

Jobst Kraus

Wie lässt sich vor dem Hintergrund der ethischen Anliegen des Umweltschutzes und der Bewahrung der Schöpfung der Gedanke der nachhaltigen Beschaffung in der Praxis?

Klaus Mertens

Postfossile Industrie und notwendige Transformation

Prof. Dr. Ortwin Renn

Akzeptanz von Technologie und Energie-Versorgungssystemen

 

"Wenn gegen Ende der Tagung im September zu diesem Thema der grüne Umweltminister Niedersachsens Stefan Wenzel von den Vertretern der Industrie in Niedersachsen Applaus bekommt, wenn die Atmosphäre in den Arbeitsgruppen menschlich freundlich ist, wenn im Großen wie im Kleinen zunächst unterschiedliche Positionen in Ruhe beschrieben werden können, wenn Umweltverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Industrie und Politik nicht nur ins Gespräch kommen, sondern wenn die Gespräche zeigen: hier kennt man sich schon länger, dann hat das wohl nicht nur für den norddeutschen Raum etwas zu tun mit der Arbeit des INEP-Instituts. Unter der Leitung von Prof. Dr. Heins arbeitet sein Team äußerst achtsam, alle Teilnehmer unterstützend und fachkundig und stellt in dieser Weise ein Podium her, auf dem die Teilnehmer das Empfinden bekommen: "Genau so lassen sich wirksame Schritte zur Lösung und zur kreativen Umsetzung der Energiewende gehen. So kommen wir voran. Und das miteinander statt gegeneinander. Spaß macht es außerdem auch noch."

Hans Christoph Hermes, Pastor in der Martin-Luther-Gemeinde Hildesheim, Tagungsteilnehmer

Industriegesellschaft gestalten
Wie viel Industrie braucht die Energiewende?

am 13. Und 14. September in der ver.di Bildungs- und Tagungsstätte Walsrode

 

Die Energiewende und die mit ihr einhergehenden Veränderungsprozesse, die Arbeits- und Lebenswelten gleichermaßen betreffen, erfordern einen Wandel und eine Erneuerung der Gesellschaft. Diese Notwendigkeit hat zur Folge, dass der Staat alleine die Herausforderung der Gestaltung der Energiewende nicht richten kann. Hierfür bedarf es der Integration und Beteiligung der Zivilgesellschaft, und zwar einer Zivilgesellschaft, die über die notwendigen Instrumente und Eigenschaften zur Stabilisierung einer von Veränderungen betroffenen Gesellschaft verfügt. Hierzu zählen die Übernahme persönlicher Eigenverantwortung, zivilgesellschaftliche Vertrauensbildung, die Bildung von Sozialvermögen, aber auch die Gründung sozialer Netzwerke, Bürgervereinigungen und ehrenamtliche Tätigkeiten. Zur gemeinsamen Nutzung der Kreativitätspotentiale bedarf es offener gesellschaftlicher Diskurse.
Die Durchführung eines Energiewendediskurses erfordert als Akteure in Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft lernende Organisationen. Einerseits suchen sie aktive Impulse für eigene Veränderungs- und Erneuerungsprozesse, andererseits wollen sie Impulse für Lernprozesse in die Gesellschaft tragen. Wichtige Voraussetzungen für die Gestaltung dieser Prozesse sind dabei ein freier Wettbewerb von Ideen, marktwirtschaftliche Suchprozesse sowie Freiräume und Eigenverantwortung. Diese sollten in Rahmenordnungen eingebunden sein. Diese Rahmenordnung ist jedoch unter Mitwirkung aller gesellschaftlichen Kreise weiterzuentwickeln. Das bedeutet, dass jeder Akteur diese sogenannte Regelverantwortung zu übernehmen und sich intensiv an derartigen

Diskussionsprozessen zu beteiligen hat. Bezogen auf die Wirtschaft erfordert dies ein Handeln der Unternehmen.

Eine Arbeitsgruppe

Die Regelverantwortung lässt sich nicht auf das ökonomische Erfolgsstreben und auf die Einhaltung der Spielregeln reduzieren, sondern bedarf einer Mitgestaltung der gemeinsamen Verantwortung. Dies erfordert ein System, welches der Wirtschaft die Übernahme dieser Regelverantwortung ermöglicht und dadurch gewährleistet, dass Unternehmen angemessen auf die Herausforderungen reagieren können, diese aufnehmen und auch umsetzen. (Mehr)

Klimawandel und Energiewende konfrontieren die Gesellschaft mit neuen ökologischen, ökonomischen und sozialen Prüfungen. Über die Notwendigkeit eines radikalen Transformations- und Umstellungsprozesses herrscht breiter gesellschaftlicher Konsens, wie sich bereits auf dem Transformationskongress im Juni 2012 in Berlin gezeigt hat. Der Kongress, der von den drei großen zivilgesellschaftlichen Gruppen Kirche, Umwelt, Gewerkschaft, organisiert wurde, hat zahlreiche Fragen der großen Transformation diskutiert, war in seiner Gesamtheit allerdings sehr offen und hat wesentliche Konfliktfelder nicht thematisiert. Diese Tatsache und nicht zuletzt die Motivation, Veränderungsprozesse so zu gestalten, dass Transformation und Energiewende „Spass machen“ und die Akteure bereit sind Verantwortung zu übernehmen, haben zu der INEP-Tagungsreihe geführt.

Ralf Bartels und Rolf Linkohr

 

Am 13.-14.09.2013 trafen sich hierfür Vertreter der Wirtschaft, Kirche, Umwelt, Gewerkschaft, Wissenschaft und Politik in der ver.di Bildungs- und Tagungsstätte Walsrode. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Industriegesellschaft gestalten. Wie viel Industrie braucht die Energiewende?“, der im Rahmen in Vorträgen, Podiumsdiskussionen mit Rückfragen aus dem Plenum, einem Open Space am Freitagabend und Arbeitsgruppen mit Impulsreferenten hochkarätiger Referenten diskutiert wurde.

 

Alle Beteiligten sind der Meinung, dass die Energiewende die Industrie und die deutschen Unternehmen mit ihrem Standort in Deutschland braucht. In der Ausgestaltung dieser Energiewende zeigen sich allerdings Differenzen. Für einen Unternehmervertreter ist klar, dass es eine Abkehr von der bisherigen Förderung der Erneuerbaren Energien und vom EEG geben wird. Allerdings muss deren Wirkung erhalten und andere Entlastungsmöglichkeiten für die Industrie müssen geschaffen werden, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht zu beeinträchtigen. Darüber hinaus muss die Kontinuität dieser Entlastungen sichergestellt werden, sodass Planungssicherheit besteht und Investitionen in Innovationen nicht ausbleiben oder ins Ausland verlagert werden. Der landespolitische Vertreter, Umweltminister Stefan Wenzel, plädiert zwar für die Wahrung des Vertrauensschutzes um Investitionssicherheit zu gewährleisten, fordert aber die Weiterentwicklung des EEG, da es sich grundsätzlich bewährt hat.  Auch für die Kirche ist klar, dass es die Industrie braucht. Ein Vertreter betont aber die Notwendigkeit eines neuen Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Der Mensch muss sich mit der Natur entwickeln, abkehren von der Epoche des Anthropozän hin zu einer Co-Evolution zwischen Mensch und Natur.

Arbeitsgruppe


Genauso sieht Franzjosef Schafhausen, Unterabteilungsleiter EI Energiewende des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, die Industrie als einen wichtigen und notwendigen Akteur in der Energiewende und spricht sich klar gegen eine Verlagerung aus. Die aktuelle Diskussion reduziert sich jedoch allzu sehr auf die Kernenergie, was dazu führen kann, dass sich viele Akteure mit ihren Belangen nicht gehört fühlen und sich zurückziehen. Die Energiewende braucht einerseits Zeit, andererseits Flexibilität, damit die dafür notwendigen Paradigmenwechsel stattfinden können. Sein Kollege Klaus Müschen, Leiter der Abteilung I 2 Klimaschutz und Energie des UBA, greift den Titel der Veranstaltung auf und dreht die Frage um. Es geht nicht nur darum, wie viel Industrie die Energiewende braucht, sondern auch darum, in welchem Ausmaß die Industrie die Energiewende braucht? Sie hat für die Industrie eine gewisse Dynamik hervorgebracht.
Diese Dynamik fördert Innovationen. An diesem Punkt erkennt ein Gewerkschaftsvertreter eine Chance für die Industrie und die Arbeitnehmer. Aus seiner Sicht sind Innovationen der Treiber der Energiewende, die neben innovativen Produkten und Technologien ein innovationsfähiges Industrienetzwerk und innovative Regeln zum Ausbau der Erneuerbaren braucht. Um die mit den Arbeitsplätzen in der Industrie verbundene soziale Komponente entsprechend zu berücksichtigen, müssen branchenstrukturelle Veränderungen hinsichtlich des Kodex guter Arbeit begleitet werden. Gewerkschaften nehmen hier, laut dem Vertreter, neben ihrer Schutzfunktion eine Gestaltungsfunktion wahr. Er sieht es als eine von Kirche, Umwelt, Gewerkschaft und Wirtschaft zu gestaltende gemeinsame Aufgabe an, Innovation als Chance zu begreifen.

Veranstaltungsteilnehmer


Ein Vertreter der Arbeitnehmerseite nimmt aber auch die Gruppe der Arbeitnehmer in die Verantwortung und fordert mehr Innovationsbereitschaft und innovatives Verhalten von den Arbeitnehmern. Unternehmen und Arbeitnehmer müssen bereit sein sich zu diversifizieren und gemeinsam an neuen Geschäftsmodellen arbeiten. Eine Vertreterin des INEP Institutes betonte, dass es hierfür der entsprechenden Weiterbildungsprogramme für Arbeitnehmer bedarf, über welche sie in der Energiewende begleitet und auf Veränderungsprozesse (Change) vorbereitet werden. Hierfür reicht es nicht aus klima- und energierelevante Themen in Bildungsprogramme an Schulen zu integrieren, weil dadurch eine bedeutende Gruppe der Gesellschaft, und zwar jene, die in den Unternehmen aktiv ist, verloren geht.

Veranstaltungsteilnehmer


Ein anders Beispiel für eine soziale Innovation für die Industrie in der Energiewende stellt ein Vertreter des Beratungsunternehmens B.A.U.M e.V. vor. Sie haben ein genossenschaftliches Modell entwickelt, um Unternehmen und öffentlichen Haushalten die Investition in Energieeffizienz zu erleichtern.  Aber nicht nur energetische Aspekte, sondern auch ein noch weiter gehender Ansatz zum Umweltschutz sollte in Unternehmen bei der Entwicklung von Produkten selbstverständlich sein, so eine Umweltvertreterin.  Ein Ansatz sei der Cradle 2 Cradle Ansatz, eine Produktionsweise, die ein Prozess- und Produktdesign verfolgt, in dem Recycling und Neuorganisation sämtlicher verwendeter Rohstoffe möglich sind. Dabei wird die Produktion von Müll vermieden, indem die Rohstoffe sinnvoll wieder genutzt werden.

 

Zu den Auswirkungen und Folgen der Energiewende auf Deutschland als Industriestandort hat das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in einer Untersuchung festgestellt, dass jedes dritte große Unternehmen in Deutschland seine Investitionsentscheidungen zurückstellt und mehr als jedes vierte große Unternehmen über Investitionsverlagerungen ins Ausland nachdenkt. Der Vertreter des Institutes prognostiziert, dass eine Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit durch die Energiepolitik zu Desinvestitionen und zu einer schleichenden Deindustrialisierung Deutschlands führen kann.
Ein nicht wettbewerbsfähiger Standort Deutschland und die Verlagerung der Industrie ins Ausland (in Länder mit schlechteren Umweltbedingungen) würde für einen Unternehmervertreter der energieintensiven Industrie nur eine Verlagerung der Umweltbelastungen bedeuten und nicht der Erreichung globaler Klimaschutzziele dienen. Es gehe sogar darum, so die Auffassung von Rolf Linkohr ehem. Abgeordneter

Veranstaltungsteilnehmer

des Europäischen Parlaments (1979-2004), dass wir so viel wie möglich Industrie in Deutschland behalten, da wir heute noch nicht wissen, was wir in Zukunft brauchen werden. Die Gesellschaft muss bereit sein neue Wege zu beschreiten und sich auf die Veränderungen vorzubereiten. Auch wenn wir diese Veränderungen nicht wissen und sie momentan nicht abzuschätzen sind, so bedarf es umso mehr einer gewissen Widerstandsfähigkeit oder Resilienz, so Rolf Linkohr.

Einen weiteren gemeinsamen Standpunkt hatten die Vertreter im Hinblick auf die Strompreisdebatte in der Energiewende. Die Verringerung des Strompreises kann nicht das Ziel energiepolitischer Maßnahmen sein, so der Tenor. Vielmehr geht es um die Herausforderung andere Lösungsmodelle zu finden, die Energiepreise sozialverträglich und Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen. Der Moderator Fritz Anhelm zitierte eine in einer vergangenen Tagung gemachte Aussage eines Kirchenvertreters, in der er festhielt, dass über Strompreise keine Sozialpolitik gemacht werden dürfe.
Dass die Energiewende nach wie vor von einer Mehrheit der Deutschen unterstützt wird und 80% der Bevölkerung den weiteren Einsatz der Kernenergie ablehnt, hielt Prof. Ortwin Renn von der Universität Stuttgart in seinem Vortrag fest. Die Frage ist hier, wer zahlt für was und wie sieht eine sozialverträgliche Preisgestaltung aus? Diese Themen sind zentrale Konfliktfelder, wenn man bedenkt wie viel die Industrie und wie viel der Verbraucher von dieser Energiewende bezahlen. Laut dem Professor müssen das Akzeptanzverhalten und die Akzeptanzbereitschaft frühzeitig erforscht und politisch angegangen werden, wenn die Energiewende gelingen soll.

v.l.: Fritz Erich Anhelm, Ralf Bartels, Rolf Linkohr, Hubertus Bardt, Ulf Gehrckens

 

Auch in der Kirche als eine bedeutende zivilgesellschaftliche Institution lässt sich eine Diskrepanz zwischen Reden und Tun beobachten, wenn es um die Energiewende und Klimaschutz geht. In einer Arbeitsgruppe hielt ein Kirchenvertreter fest, dass es hier die Aufgabe der Kirche sei, die Dinge erlebbar zu machen.

 

Der Moderator Fritz Anhelm sieht keinen Masterplan für die Energiewende. Allerdings sind Problemkorridore entlang der Konfliktthemen wie Netzausbau, Speichertechnologien usw. zu identifizieren und die Akteure zu benennen, die sich zur Bearbeitung dieser Korridore zusammenfinden müssen. Beim Problemkorridor „Speichertechnologie“ und „Abschalten der Kraftwerke“ wurde das Beispiel angeführt, dass Deutschland durch den Ausbau der erneuerbaren Energien Strom produziert, dieser dann aber aufgrund mangelnder Speichermöglichkeiten ins Ausland exportiert werden muss und umgekehrt in Deutschland Kraftwerke für die Versorgungssicherheit weiterhin in Betrieb bleiben müssen.


Um den Problemen und Herausforderungen der Energiewende besser gerecht zu werden und oben genannte Widersprüche zu bewältigen, stellte sich in einer Open-Space-Gruppe die Frage, ob durch ein Mehr an Zentralität, z.B. durch auf Bundesebene angesiedelte Steuerungsorgane wie einem Energieministerium, die Energiewende besser koordiniert werden könnte. Ein Ergebnis der Arbeitsgruppe mit Kirchenvertretern war, dass in der Kirche solche Veränderungsprozesse, die einer Koordination bedürfen, nur von „oben nach unten“ funktionieren können.

 

Auch die Politik in Niedersachsen hat sich die Dringlichkeit der Bewältigung der Energiewende als enorme wirtschaftspolitische Herausforderung in das Buch geschrieben. Für den Umweltminister Stefan Wenzel können Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand in Niedersachen und Deutschland nur durch die Bewältigung der Umstrukturierung gesichert werden. Klar sprach er sich dafür aus, dass Niedersachsen auch in 20 Jahren noch Standort für Unternehmen der energieintensiven Industrie sein soll.

v.l.: Fritz Anhelm, Stefan Wenzel, Bernd Heins, Iris Tuttlies

Die Unternehmen dürften nicht über ihre Grenzen hinaus belastet werden, aber ihr Beitrag müsse erkennbar sein. Klimaschutz sei eine globale Herausforderung und müsse global gesehen werden. Damit nationale Regelungen auf einem sicheren Fundament stehen, bedürfe es eines globalen Klimavertrages. Der Minister spricht von der Notwendigkeit, dass die Europäische Union bis zur Klimakonferenz 2015 in Paris auf einen gemeinsamen Nenner kommt und mit einer Stimme auftritt.

Damit die Energiewende gelingen kann, muss Wirtschaft, Umwelt, Gewerkschaft, Kirche und Politik, jeder für sich seinen Teil der Verantwortung übernehmen. Ein Arbeitnehmervertreter brachte die Herausforderung mit folgender Frage auf den Punkt: „Wie bekommen wir es hin, dass die Energiewende Spaß macht?“

 

 

 

 

 

 

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